Analyse

Anlage von Reservefonds der sozialen Sicherheit mit neuen Zielen und Chancen in Afrika

Analyse

Anlage von Reservefonds der sozialen Sicherheit mit neuen Zielen und Chancen in Afrika

Bei der Anlage von Reservefonds der sozialen Sicherheit ging es bislang lediglich darum, den Wert finanzieller Vermögenswerte zu erhöhen und die Finanzierbarkeit und langfristige Tragfähigkeit von Rentensystemen sicherzustellen, doch heute ist diese Tätigkeit innerhalb der Verwaltung der sozialen Sicherheit zu einem zentralen Geschäftsprozess geworden. Zu Beginn waren die Anlageentscheidungen noch hauptsächlich durch die Suche der Anleger nach Kapitalzuwächsen geprägt und von den Grundsätzen der Sicherheit, Liquidität und Rendite geleitet, und sie hatten deshalb vor allem mit Finanzinstrumenten und Finanzmärkten zu tun (Cichon et al., 2004).

Die Praxis der Anlage von Reservefonds der sozialen Sicherheit im Afrika von heute hat jedoch nur noch wenig mit jener beschränkten Sicht von Rentenfonds zu tun und umfasst mittlerweile auch Investitionen von Sozialschutzsystemen, die kurz- und langfristige Leistungen in den Bereichen Kranken-, Mutterschafts-, Arbeitsunfall- und Arbeitslosenversicherung anbieten. Vor allem haben sich auch die Anlageprinzipien stark gewandelt und anstatt nur auf die Grundsätze Sicherheit, Liquidität und Rendite zu setzen, werden nun zusätzlich sozioökonomische und manchmal gar politische Aspekte des Sozialschutzes berücksichtigt, wobei eine steigende Tendenz hin zu wirtschaftlich gezielten Investitionen (Economically Targeted Investments) und zu sozialverantwortlichen Investitionen (Socially Responsible Investments) von Reservefonds der sozialen Sicherheit zu beobachten ist.

Es dürfte kaum Zweifel geben, dass Reserven der sozialen Sicherheit bei der Sicherung der langfristigen Tragfähigkeit von Systemen der sozialen Sicherheit eine entscheidende Rolle spielen. Gleichwohl gehen Plamondon et al. (2002) davon aus, dass Reserven der sozialen Sicherheit darüber hinaus eine noch bedeutendere Rolle für die Gestaltung der Sozialschutzstrategie übernehmen, indem sie die Beitragssätze stabilisieren und die Entwicklung des makroökonomischen Umfelds und des sozialpolitischen Rahmens stützen. Dies zeigt sich insbesondere in der langsamen und doch stetigen Verschiebung von der Anlage von Reserven der sozialen Sicherheit zur Gewinnmaximierung hin zu einer Anlage zu Zwecken der Wertschöpfung.

Die gewinnorientierte Anlage auf der einen Seite wird getrieben vom Bemühen um Wertbeständigkeit der Anlagen – im Wesentlichen finanzielle Ressourcen, die die Finanzierbarkeit und langfristige Tragfähigkeit von Systemen der sozialen Sicherheit garantieren sollen. Dabei stehen die Grundsätze der Sicherheit, Liquidität und Rendite im Vordergrund. Die wertschöpfungsorientierte Anlage auf der anderen Seite wird vom Glauben geleitet, dass eine höhere Effizienz und Wirksamkeit der Institution die administrativen Kosten senken und entgangene Gewinne ausgleichen können. So jedenfalls lautet die Überlegung hinter Kostensenkungsmaßnahmen wie dem Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und dem Aufbau von Humankapital.

Als neue Alternative hat die wertschöpfungsorientierte Anlage Formen angenommen, die auf eine Optimierung der Beitragseinnahmen und eine Minimierung der Beitragsausgaben setzen, anstatt dass versucht wird, Gewinne zu erwirtschaften, um potenziell höhere Beitragsausgaben zu stemmen. So hat man die Anlage von Reserven der sozialen Sicherheit in kostensparende Initiativen wie Präventionsmaßnahmen und in gewinnbringende Ansätze wie Arbeitsplatzschaffungs- und Beschäftigungsförderungsmaßnahmen vorangetrieben, oder es wurden gesundheitliche und soziale Aktionen gestartet, die den Schutz durch soziale Sicherheit für alle fördern sollen.

Mit diesen Anlageüberzeugungen haben die Verwaltungen der sozialen Sicherheit weltweit neue Ziele gesetzt, die auch neue Chancen eröffnen. In Afrika, der Region mit dem höchsten Mangel an Infrastrukturentwicklung und an Sozialschutz (IAA, 2017), ist diese Form der Anlage von Reservefonds der sozialen Sicherheit sogar von noch größerer Bedeutung.

In diesem Artikel sollen die Konzepte und Überlegungen für eine Bevorzugung der wertschöpfungsorientierten vor der engeren Sichtweise der gewinnorientierten Anlage dargelegt werden, mit denen versucht wird, die Finanzierbarkeit und langfristige Tragfähigkeit von Systemen der sozialen Sicherheit zu verbessern und ihre Deckung auszuweiten. Die Anlagepraktiken von Mitgliedsinstitutionen der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) aus der Region Afrika werden zusammenfassend vorgestellt, wobei besonders die Bewerbungen zum Wettbewerb um den IVSS Preis für gute Praxis für Afrika 2020 berücksichtigt wurden.

Theoretischer Rahmen für die Anlage von Vermögenswerten der sozialen Sicherheit

In der Vergangenheit wurden Überschüsse der sozialen Sicherheit hauptsächlich mit Finanzmarktinstrumenten auf Finanzmärkten angelegt, um das Kapital von Verwaltungen der sozialen Sicherheit in Unternehmen zu investieren. Diese Überschüsse wurden meist mit der begründeten Erwartung positiver Erträge, also Gewinne, angelegt, wobei die Sicherheits- und Liquiditätsanforderungen von Systemen der sozialen Sicherheit im Mittelpunkt standen (Cichon et al., 2004).

Diese Grundsätze haben zwar noch immer Gültigkeit, aber durch die Zunahme der Überschüsse, die in Reservefonds fließen, und das Entfallen (oder die Aufschiebung) der Notwendigkeit, Anlagen aufzulösen, um wiederkehrende Ausgaben zu bestreiten, hat die Anlage von Vermögenswerten der sozialen Sicherheit eine neue Dynamik bekommen. In der Praxis zeichnet sich eine Verschiebung des Ansatzes von einer gewinnorientierten Anlage hin zu einer Anlage zu Wertschöpfungszwecken ab, ohne dass dabei Sicherheits- oder Liquiditätsanforderungen außer Acht gelassen würden. So sind neue Formen und Arten der Anlage von Vermögenswerten der sozialen Sicherheit entstanden, darunter auch zur Entwicklung und Stützung von Systemen der sozialen Sicherheit, von öffentlicher Infrastruktur und von selbstverwalteten sozialen Einrichtungen oder Gesundheitseinrichtungen.

Trotz dieser Verschiebung von der gewinnorientierten hin zur wertschöpfungsorientierten Anlage bleibt bei den Anlageentscheidungen das Ziel der Finanzierbarkeit, Zahlungsfähigkeit und langfristigen Tragfähigkeit der Systeme der sozialen Sicherheit im Vordergrund. Mittlerweile haben sich die Anlageüberzeugungen und Anlageansätze in den verschiedenen Ländern und Institutionen der sozialen Sicherheit gewandelt und lassen auch die Investitionsgrundsätze Sicherheit, Liquidität und Rendite in neuem Licht erscheinen.

Institutionen der sozialen Sicherheit haben meist zwei Hauptkategorien von Ausgaben – Verwaltungskosten und Leistungszahlungen – und zwei Hauptkategorien von Einnahmen – Beitragseinnahmen und Anlageerträge. Das Nettoergebnis, ob Überschuss oder Defizit, ergibt sich durch die Subtraktion der Gesamtausgaben von den Gesamteinnahmen. Entscheiden sich Institutionen dafür, anstatt in ertragreichere Anlagen in die Entwicklung des Systems der sozialen Sicherheit selbst zu investieren – zum Beispiel in die IKT –, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die administrative Effizienz und Wirksamkeit verbessert werden und zugleich die Verwaltungskosten sinken. Unter diesen Umständen können die geringeren Verwaltungskosten die entgangenen Gewinne ausgleichen und als Anlageerträge gewertet werden.

Sollte das System sich dafür entscheiden, in die Entwicklung der Infrastruktur oder in Initiativen zur Beschäftigungsförderung zu investieren, dann steigt tendenziell die allgemeine Beschäftigung, und es bietet sich die Möglichkeit, die Deckung der sozialen Sicherheit auszuweiten. Gelingt dies, dann nimmt möglicherweise auch das Beitragsaufkommen zu, und dieses kann wiederum die entgangenen Anlageerträge ausgleichen. So lautet die Überlegung, die hinter der immer stärker verbreiteten Neigung von Verwaltungen der sozialen Sicherheit steht, sich für wirtschaftlich gezielte Investitionen oder für sozialverantwortliche Investitionen zu entscheiden.

Außerdem führen die sinkenden Zinsen, die gesättigten heimischen und internationalen Finanzmärkte und die Einschränkungen für grenzüberschreitende Anlagen zu einer vermehrten Anhäufung von Reserven der sozialen Sicherheit, die damit eine bedeutende Quelle für inländisches Kapital darstellen. Da die Kapitalnachfrage der Unternehmer aufgrund gestiegener Anlagerisiken, schlecht ausgestatteter oder ineffizienter heimischer Finanzmärkte und allgemeiner Konjunktureinbrüche beschränkt ist, häufen die Verwaltungen der sozialen Sicherheit oft mehr an als lediglich Sicherheitsrücklagen, so dass Liquiditätsüberschüsse vorhanden sind und das Risiko ineffizienter und unwirksamer Verwaltungen und politischer Einflussnahme steigt.

Um diese Risiken einzudämmen, haben die IVSS-Mitgliedsinstitutionen der Region Afrika bei der Anlage von Vermögenswerten der sozialen Sicherheit neue Strategien entwickelt und neue Ansätze umgesetzt. Unter Berücksichtigung der Grundsätze der Sicherheit, Liquidität und Rendite tätigen die Verwaltungen der sozialen Sicherheit vermehrt Anlagen im Sinne einer Wertschöpfung, indem sie in die sozioökonomische Entwicklung, in Infrastruktur und in die Gesundheitsversorgung sowie in soziale Initiativen investieren, die ihrerseits die sozioökonomische Entwicklung, aber auch die heimische Nachfrage und die Schaffung von Arbeitsplätzen ankurbeln. Die Verschiebung von der gewinnorientierten hin zur wertschöpfungsorientierten Anlage stellt die Verwaltungen der sozialen Sicherheit vor neue Chancen, aber auch vor neue Herausforderungen (Willis Towers Watson und IVSS, 2019).

Auffallend ist, dass Anlagen zur Wertschöpfung – also wirtschaftlich gezielte Investitionen und sozialverantwortliche Investitionen – allgemein längere Laufzeiten aufweisen und deshalb anhand der Zahlungsfähigkeit und des Nettowerts anstatt anhand von kurzfristigen Liquiditäts- und Renditezielen zu bewerten sind. Die Sicherheit bleibt bei der Anlage von Vermögenswerten der sozialen Sicherheit jedoch oberstes Gebot. Außerdem sind wirtschaftlich gezielte Investitionen und sozialverantwortliche Investitionen allgemein nicht für eine Auflösung oder für eine kurz- oder mittelfristige Umwandlung für die Finanzierung wiederkehrender Sozialschutzausgaben oder Verwaltungskosten vorgesehen. Sie gelten deshalb als alternative Finanzierungsgrundlage für Sozialschutzmaßnahmen über längere Zeithorizonte.

Die Idee der Anlage zu Wertschöpfungszwecken wird im folgenden Abschnitt beschrieben, und die jüngsten Anlagepraktiken von IVSS-Mitgliedsinstitutionen Afrikas werden zusammengefasst, wobei vor allem anlagebezogene Bewerbungen zum Wettbewerb um den IVSS Preis für gute Praxis für Afrika 2020 vorgestellt werden.

Anlage zur Wertschöpfung: Eine Zusammenfassung der Anlagepraktiken von IVSS-Mitgliedsinstitutionen aus Afrika

Betrachtet man die Bewerbungen guter Praxis, die zum Wettbewerb um den Preis für gute Praxis für Afrika 2020 eingereicht wurden, zeigt sich ein klares Bild der Verschiebung in den Anlageüberzeugungen von einer gewinnorientierten hin zu einer wertschöpfungsorientierten Anlage. Innerhalb der letzten Kategorie sind die häufigsten Instrumente zwar weiterhin gezielte wirtschaftliche Investitionen und sozialverträgliche Investitionen, aber die Ziele für nachhaltige Entwicklung 2030 der Vereinten Nationen, insbesondere Ziel 7 (bezahlbare und saubere Energie), Ziel 8 (menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum), Ziel 9 (Industrie, Innovation und Infrastruktur) und Ziel 13 (Maßnahmen zum Klimaschutz), bieten für die IVSS-Mitgliedsinstitutionen in Afrika diesbezüglich neue Anlagemöglichkeiten und Anlageherausforderungen.

Indem sie in ihrer Anlagedynamik auf Wertschöpfung anstatt auf kurzfristige Gewinne und Liquidität setzen, haben die IVSS-Mitgliedsinstitutionen ihre Anlageklassen erweitert, so dass sie auch den Zukauf oder die Übernahme von Tochterunternehmen, mehr Investitionen in Gesundheits- und Sozialdienste, in Tourismus und Gastgewerbe, in Infrastruktur und Arbeitsplatzschaffung sowie in Beschäftigungsförderungsmaßnahmen umfassen. Andere Systeme, vorwiegend Arbeitsunfallversicherungssysteme, haben in die Prävention und Rehabilitation investiert, um die Häufigkeit und Auswirkung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten zu mindern und berufliche Wiedereingliederungsmaßnahmen zu fördern, die ein enormes Kosteneinsparungspotenzial aufweisen.

Zukäufe und Übernahmen

Institutionen der sozialen Sicherheit agieren bislang vorwiegend in ihrem traditionellen Geschäftsbereich der Registrierung von Beitragszahlern und Leistungsempfängern, des Einzugs von Beiträgen und der Auszahlung von Leistungen an anspruchsberechtigte Empfänger. Sie führen jedoch auch Nebentätigkeiten durch wie die Anlage von Überschüssen oder Reservefonds und stehen zudem vor der Herausforderung, Beiträge von nicht konformen und unwilligen Beitragszahlern und Arbeitgebern eintreiben zu müssen.

Interessanterweise haben IVSS-Mitgliedsinstitutionen in Afrika wie die Landeskasse für Sozialversicherung Kameruns Anlagemöglichkeiten genutzt, um Herausforderungen beim Beitragseinzug von zahlungsfähigen, aber dennoch mit finanziellen Engpässen kämpfenden Arbeitgebern zu bewältigen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Schuldentilgung durch nicht monetäre Mittel. Anstatt Beiträge von Arbeitgebern mit Zahlungsschwierigkeiten durch Zwangsmaßnahmen einzutreiben, hat die Landeskasse einen nicht-monetären Schuldentilgungsplan gewählt, um Schulden in eine Kapitalbeteiligung oder in eine Übernahme von Wirtschaftsgütern von verschuldeten Unternehmen umzuwandeln (IVSS, 2020a).

Ein Jahr nach Beginn der Umsetzung dieses Ansatzes hat die Landeskasse für Sozialversicherung Kameruns bereits mehr als 15 Milliarden XAF eingetrieben, fast acht Prozent der über 190 Milliarden XAF, die ursprünglich als Forderungsausfälle ausgewiesen waren. So ist es zum Erwerb zweier städtischer Grundstücke, zur Begleichung von Güter- und Dienstleistungsrechnungen aus öffentlichen Ausschreibungen sowie zur Verrechnung von Telefon- und Internetrechnungen des nationalen Telekommunikationsanbieters und etwa zwanzig weiterer Dienstleister gekommen. Dadurch konnten die Einhaltung der Bestimmungen und der Einzug ausstehender Beiträge der sozialen Sicherheit verbessert werden.

Umweltschutz und erneuerbare Energien

Neben den herkömmlichen Pflichten der Bereitstellung eines Sozialschutzes für die Bevölkerung haben die Institutionen der sozialen Sicherheit auch eine soziale Verantwortung (Corporate Social Responsibility). Verankert ist diese in der Initiative Global Compact der Vereinten Nationen und in den Zielen für nachhaltige Entwicklung 2030 der Vereinten Nationen zum Umweltschutz.

Die Rentenkasse der Gemeinden Kenias (Local Authorities Pension Trust – LAPT) hat als Alternative zu herkömmlichen Anlagepraktiken in die Schaffung nachhaltiger Werte investiert und sich dabei auf den Umweltschutz und die Förderung von Beschäftigung und menschenwürdiger Arbeit konzentriert. Um den Kohlendioxidausstoß zu senken, hat die LAPT in die Installation von Fotovoltaikanlagen investiert. Damit fördert sie aktiv den Einsatz und das Management erneuerbarer Energien (IVSS, 2020b).

Dank der erfolgreichen Installation einer Solaranlage konnte die Institution von August bis Dezember 2019 umgerechnet über 25 000 USD an Stromkosten sparen und damit die allgemeinen Verwaltungskosten senken. Mit dieser Fotovoltaikanlage konnte der Ausstoß von fast 19 Tonnen Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre verhindert werden – ein wichtiger Beitrag zur Eindämmung der globalen Erwärmung und Luftverschmutzung.

Gesundheits- und Sozialdienste

Der Zugang zu elementaren Gesundheits- und Sozialdiensten ist ein wichtiger Punkt der universellen Sozialschutzagenda. Die Institutionen der sozialen Sicherheit haben einerseits die Pflicht, auch die finanziellen Aspekte eines universellen Sozialschutzes zu berücksichtigen, sie können andererseits aber auch einen großen Beitrag dazu leisten, durch die Anlage von Reservefonds der sozialen Sicherheit die Gesundheitsinfrastruktur und die Sozialdienste zu unterhalten und auszubauen.

Der Hilfsverein auf Gegenseitigkeit für den öffentlichen Dienst Burundis hat sich angesichts der steigenden Gesundheitskosten entschieden, in eigene Apotheken zu investieren, die nach und nach neben den öffentlichen Partner-Krankenhäusern eröffnet werden. So gewinnt er Spielraum, um die Arzneimittelkosten zu regulieren, Patienten und Versicherte besser zu versorgen, das finanzielle Ungleichgewicht zwischen den Kosten des Gesundheitswesens und den Beiträgen auszugleichen und seine Finanzierbarkeit und langfristige Tragfähigkeit zu verbessern (IVSS, 2020c).

Das Landesamt für soziale Sicherheit Simbabwes hat mit seinem Projekt „Dzimba“ in den Bau moderner Unterkünfte für schwerverletzte Rentenbezüger investiert. Das Landesamt betreibt ein umfassendes Rehabilitationsprogramm. Schwerverletzte Arbeitnehmer ohne Obdach wussten dennoch oft nicht, wo sie unterkommen konnten. Dank dem Projekt „Dzimba” konnte die Aufenthaltsdauer (oft mit Rückkehr) verletzter Arbeitnehmer im Rehabilitationszentrum für berufliche Wiedereingliederung von neun Monaten auf weniger als eine Woche stark verringert werden. Zudem konnte die Zahl der Aufnahmen und Neuaufnahmen für die Behandlung von Geschwüren um 33 Prozent beziehungsweise 71 Prozent gesenkt werden. Dadurch sanken die Kosten für den Betrieb des Rehabilitationszentrums, und der Lebensstandard der verletzten Arbeitnehmer hat sich deutlich verbessert (IVSS, 2020d).

Schaffung von Arbeitsplätzen und Beschäftigungsförderung

Sozialschutz und Beschäftigungsförderung liegen auf den Agenden für soziale Gerechtigkeit und menschenwürdige Arbeit nahe beieinander und bedingen einander gegenseitig. Während sich die Institutionen der sozialen Sicherheit dafür einsetzen, die Deckung auch auf gefährdete und noch ungedeckte Bevölkerungsgruppen auszuweiten, stehen sie gleichzeitig vor der Herausforderung eines umfangreichen Sektors mit informeller und prekärer Beschäftigung. Dies ist vor allem in Entwicklungsländern südlich der Sahara der Fall und stellt dort ein großes Hindernis für die Ausweitung der Deckung beitragsabhängiger Systeme der sozialen Sicherheit dar, wie sie in Afrika in der Mehrzahl sind.

Angesichts dieser Herausforderungen setzen sich IVSS-Mitgliedsinstitutionen im Sinne einer Förderung der sozialen Sicherheit auf dem Kontinent dafür ein, mehr und bessere Arbeitsplätze zu schaffen und die Jugendbeschäftigung durch eine intelligente Investition von Reservefonds der sozialen Sicherheit zu fördern. Die Landeskasse für soziale Sicherheit Ugandas hat sich auf diesen Weg begeben und tätigt inzwischen Investitionen zur Förderung von Beschäftigungsmöglichkeiten durch Innovation.

Die Landeskasse hat erkannt, wie eng Jugendarbeitslosigkeit, Beschäftigung und die Ausweitung der Deckung der sozialen Sicherheit miteinander zusammenhängen, und sie unterstützt das Start-up-Umfeld, um der wirtschaftlichen Entwicklung durch die Unterstützung potenziell wachsender Unternehmen neue Chancen zu bieten. Dies wiederum führt zu einem Dominoeffekt von Möglichkeiten in den Bereichen Beschäftigung, staatliche Beitragseinzüge (Steuern, Sozialversicherungsbeiträge usw.), Kompetenzförderung und potenzielle Investitionsbereitschaft externer Investoren. So werden Arbeitsplätze für Unternehmer geschaffen und die Beschäftigungsmöglichkeiten werden verbessert, was weitreichende Auswirkungen auf die Ausweitung der Deckung und die Finanzierbarkeit und langfristige Tragfähigkeit des Systems der sozialen Sicherheit haben wird (IVSS, 2020e).

Ähnlich hat die Kommission für soziale Sicherheit Namibias durch ihren Entwicklungsfonds in eine Plattform für die Stimulation der Schaffung von Arbeitsplätzen investiert, um der hohen Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken. Dank der Plattform und der Partnerschaft mit verschiedenen Akteuren konnte gezeigt werden, dass die Finanzierung von Entwicklungsprojekten dazu beiträgt, die Bedürfnisse von Leistungsempfängern und insbesondere der nationalen oder lokalen Bevölkerung zu decken. So werden Arbeitsplätze auf dem Land geschaffen, die Armut wird verringert und Arbeitnehmer können Kompetenzen erwerben, was weitreichende Auswirkungen auf die soziale Entwicklung und die Ausweitung des Sozialschutzes auf die am meisten gefährdeten Cluster der Gesellschaft hat (IVSS, 2020f).

Prävention und Rehabilitation

Die Systeme der sozialen Sicherheit, insbesondere Renten-, Kranken- und Arbeitsunfallversicherungssysteme, stehen vor der epochalen Herausforderung höherer Ausgaben aufgrund der Bevölkerungsalterung und der damit steigenden Gesundheitskosten und zunehmenden Erkrankungen sowie der Verbreitung chronischer Krankheiten in den verschiedenen Versichertengruppen. Hinzu kommen die zunehmende sozioökonomische Volatilität, die Sättigung der Finanzmärkte und die sinkenden Zinsen nebst steigenden Anlagerisiken.

Trotz dieser Herausforderungen greifen die Rentensysteme auf wirtschaftlich gezielte Investitionen und sozialverträgliche Investitionen zurück, die durch Beschäftigungsförderungs- und Arbeitsmarktmaßnahmen zur Erhöhung der Beitragseinnahmen und durch allgemeine Reformen für die Finanzierbarkeit und langfristige Tragfähigkeit der öffentlichen Rentensysteme ergänzt werden. Andererseits verfügen die Kranken- und Arbeitsunfallversicherer über eine einmalige Gelegenheit, das Auftreten von Risiken durch Prävention, Rehabilitation und die Förderung von Arbeitsschutzinitiativen zu senken. So können die Häufigkeit von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten reduziert und die Rückkehr an den Arbeitsplatz gefördert werden. Dadurch ergeben sich tendenziell niedrigere Leistungsausgaben und die Finanzierbarkeit und langfristige Tragfähigkeit dieser Systeme der sozialen Sicherheit werden gestärkt.

Die Landeskasse für soziale Sicherheit Dschibutis hat als integrierenden Bestandteil ihrer Anlagepolitik eine Strategie zur Prävention von Arbeitsrisiken eingeführt. Zuvor erhielten verletzte Arbeitnehmer eine Entschädigung für Unfälle am Arbeitsplatz und Berufskrankheiten, wodurch die Leistungsausgaben in die Höhe schnellten, was weitreichende Folgen für die Finanzierbarkeit der Institution hatte. Durch die neue Politik hat sich das Wohlbefinden der Arbeitnehmer verbessert, und die Zahl der Unfälle im Bauwesen, in der Materialhandhabung und in der Gastronomie ist gesunken. Mit der Strategie konnten in den vergangenen fünf Jahren 35 Prozent der bei der Landeskasse versicherten Unternehmen erreicht werden (IVSS, 2020g).

Tourismus und Gastgewerbe

Während die Investment-Branche immer komplexer und unübersichtlicher wird, haben die Verwaltungen der sozialen Sicherheit neue Chancen erkundet, um in den Tourismus und in das Gastgewerbe zu investieren, und in diesen Bereichen steigt vor allem in Entwicklungsländern der Kapitalbedarf. Gemäß dem World Travel and Tourism Council (WTTC) und Oxford Economics (2020) verzeichnete die Tourismus- und Gastgewerbebranche 2019 ein Wachstum von 3,5 Prozent und lag somit im neunten Jahr in Folge höher als das weltweite Wirtschaftswachstum, das im vergangenen Jahr mit 2,5 Prozent veranschlagt wurde. In den letzten fünf Jahren entfiel jede vierte Arbeitsstelle, die weltweit geschaffen wurde, auf diesen Sektor, so dass die Reise- und Tourismusbranche den Regierungen bei der Schaffung von Arbeitsplätzen eine gute Partnerin gewesen ist.

Um dieses wachsende Potenzial zu nutzen, hat die Landeskasse für soziale Sicherheit Libyens mit ihrem Projekt der Investition in Hotels in die Branche Tourismus und Gastgewerbe investiert. Finanziert durch das Projekt wurden 18 Hotels und drei Touristendörfer errichtet, in denen insgesamt über 3 700 Arbeitnehmer beschäftigt sind. Damit konnten im Zeitraum 1994-2010 Anlageerträge von insgesamt 228 039 865 LYD erwirtschaftet werden, was im Jahresdurchschnitt 13 414 109 LYD entspricht (IVSS, 2020h). Aus den Erfahrungen der Landeskasse Libyens wird deutlich, dass eine Investition in Tourismus auch als Mittel zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung, zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zur Beschäftigungsförderung und als Instrument für die Ausweitung des Sozialschutzes sowohl in Entwicklungsländern als auch in entwickelten Ländern gesehen werden kann.

Fazit

In einem immer komplexer und ungewisser werdenden Anlageumfeld stellen kostensenkende oder kostensparende Initiativen eine Alternative für das alleinige Streben nach Gewinnen dar und spielen bei der Wertschöpfung für Systeme der sozialen Sicherheit eine entscheidende Rolle. Zusätzlich können durch Beschäftigungsförderungsinitiativen und Investitionen in Maßnahmen zur Vergrößerung der Beitragsbasis durch die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Förderung menschenwürdiger Arbeit Einnahmen generiert werden und Maßnahmen zur Durchsetzung der Beitragspflicht und zur Verbesserung des Beitragseinzugs eingeführt werden. Dies kann eine entscheidende Rolle bei der Ausweitung der effektiven Deckung und bei der Verbesserung der Finanzierbarkeit und langfristigen Tragfähigkeit der Systeme der sozialen Sicherheit spielen.

Für die Verwaltungen der sozialen Sicherheit ist es deshalb wichtig, ihre Anlageziele zu überprüfen und innerhalb des Rahmens der wertschöpfungsorientierten Anlagen neue Anlagemöglichkeiten zu nutzen. Die Anlage zu Wertschöpfungszwecken bietet alternative Anlageoptionen, die über das Ziel der Sicherheit, Liquidität und Rendite hinausgehen und sowohl ein kurzfristiges Liquiditätsmanagement erlauben als auch die langfristige finanzielle Tragfähigkeit der Systeme der sozialen Sicherheit stärken. Die Erfahrungen von IVSS Mitgliedsinstitutionen aus Afrika haben deutlich gemacht:

  1. Es zeichnet sich eine allmähliche Verschiebung der Anlageüberzeugungen ab von einer gewinnorientierten Anlage, die nach den Grundsätzen von Sicherheit, Liquidität und Rendite operiert, hin zu einer wertschöpfenden Anlage, bei der für die Anlage-entscheidungen Sicherheit und Zahlungsfähigkeit im Vordergrund stehen.
  2. In einem Kontext zunehmender Komplexität und schwindender Erträge und Zinsen erkunden die IVSS-Mitgliedsinstitutionen aus Afrika neue Anlagemöglichkeiten und setzen innovative Strategien um, um den neuen Herausforderungen zu begegnen.
  3. Die Anlage von Reservefonds der sozialen Sicherheit ist zu einer zentralen Funktion in der Verwaltung der sozialen Sicherheit geworden, und sie birgt ein enormes Potenzial, was die Steuerung der sozioökonomischen Entwicklung insbesondere von Ländern mit geringen und mittleren Einkommen betrifft.

Die Institutionen der sozialen Sicherheit Afrikas haben durch innovative Entwicklungen Anlageansätze entwickelt, die eine Wertschöpfung zum Ziel haben, ohne dass beim Bestreben, die Verwaltungstätigkeiten zu verbessern und die Finanzierbarkeit und die langfristige Tragfähigkeit der Systeme der sozialen Sicherheit zu sichern, Abstriche bei der Sicherheit der angelegten Vermögenswerte in Kauf genommen werden müssen.

Referenzen

Cichon, M. et. al. 2004. Financing social protection: Quantitative methods in social protection series [Die Finanzierung des Sozialschutzes: Reihe quantitative Methoden im Sozialschutz]. Genf, gemeinsame Fachpublikation des Internationalen Arbeitsamts (IAA) und der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS).

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IVSS. 2020a. Nicht-monetärer Schuldentilgungsplan. Gute Praxis der Landeskasse für Sozialversicherung – Kamerun: Wettbewerb IVSS-Preis für gute Praxis, Afrika 2020. Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

IVSS. 2020b. Alternative Investitionsmöglichkeiten für Institutionen der sozialen Sicherheit: Grüne Energie / Investitionen in Fotovoltaikanlagen zur Steigerung der Nachhaltigkeit von Energieproduktion und -management. Gute Praxis der Rentenkasse der Gemeinden – Kenia: Wettbewerb IVSS-Preis für gute Praxis, Afrika 2020. Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

IVSS. 2020c. Das schrittweise Einrichten von Apotheken im ganzen Land durch kollektive Kapitalanlage: Sozialrabatt für Versicherte bei der Arzneimittelversorgung. Gute Praxis des Hilfsvereins auf Gegenseitigkeit für den öffentlichen Dienst – Burundi: Wettbewerb IVSS-Preis für gute Praxis, Afrika 2020. Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

IVSS. 2020d. Projekt „Dzimba”: Maßgeschneiderte Unterkünfte für schwerbehinderte Rentenempfänger. Gute Praxis des Landesamts für soziale Sicherheit – Simbabwe: Wettbewerb IVSS-Preis für gute Praxis, Afrika 2020. Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

IVSS. 2020e. Schaffen von Arbeitsplätzen durch Innovation: Unterstützung nachhaltiger Beschäftigung durch Eingreifen in das Start-up-Umfeld. Gute Praxis der Landeskasse für soziale Sicherheit – Uganda: Wettbewerb IVSS-Preis für gute Praxis, Afrika 2020. Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

IVSS. 2020f. Namibia: Schaffung von nachhaltigen Arbeitsplätzen. Gute Praxis der Kommission für soziale Sicherheit – Namibia: Wettbewerb IVSS-Preis für gute Praxis, Afrika 2020. Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

IVSS. 2020g. Festlegung einer Risikopräventionspolitik am Arbeitsplatz. Gute Praxis der Landeskasse für soziale Sicherheit – Dschibuti: Wettbewerb IVSS-Preis für gute Praxis, Afrika 2020. Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

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Plamondon, P. et al. 2002. Actuarial practice in social security: Quantitative methods in social protection series [Versicherungsmathematische Praxis in der sozialen Sicherheit: Reihe quantitative Methoden im Sozialschutz]. Genf, gemeinsame Fachpublikation des Internationalen Arbeitsamts (IAA) und der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS).

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