Analyse

Langzeitpflege in der alternden Gesellschaft: Themen und Strategien

Analyse

Langzeitpflege in der alternden Gesellschaft: Themen und Strategien

Die COVID-19-Pandemie bringt weiterhin erhebliche Herausforderungen in vielen Gesundheits- und Langzeitpflegesystemen an den Tag, hinter denen die alternde Gesellschaft steht. Die Notwendigkeit von Strategien und Lösungen zur Unterstützung der politischen Entscheidungsträger und der Institutionen der sozialen Sicherheit bei der Bewältigung der Herausforderung durch die Langzeitpflege ist grundlegend, um sicherzustellen, dass keine ältere Person ins Abseits gerät.

Die rasche Alterung hat die Langzeitpflege ganz oben auf die Agenda von Reformen der sozialen Sicherheit gebracht. In diesem Kontext unterstrich die COVID-19-Pandemie weiter die Bedeutung von Investitionen und kollaborativen Bemühungen, um wirksame Mechanismen einzurichten und sicherzustellen, dass ältere Menschen Zugang zu Gesundheits- und Pflegeleistungen haben, ohne finanziell übermäßig belastet zu werden. Sie macht deutlich, wie notwendig es ist, wichtige strukturelle Herausforderungen anzugehen, um die Sicherheit und Widerstandskraft der Pflegesysteme zu verbessern.

Im komplexen und sektorübergreifenden Langzeitpflegebereich gibt es keine Einheitslösungen. Es bestehen erhebliche Unterschiede zwischen und innerhalb der Länder dabei, wie Pflege organisiert, erbracht und finanziert wird. Eine Reihe von Ländern erwägt, ein formelles langfristiges Pflegesystem als Teil ihres Systems der sozialen Sicherheit einzuführen. Andere planen verschiedene Arten von Reformen.

Die Bewältigung der Pflegeherausforderung verlangt von den Institutionen der sozialen Sicherheit, dass sie Antworten ausarbeiten, die eine bessere Koordination unter den Institutionen, Rechtsystemen und Dienstleistungsanbietern, eine verstärkte Rolle von Prävention und Gesundheitsförderung, Rehabilitation, Strategien für das Altern zu Hause sowie den innovativen Einsatz von Technologien vorsehen.

Unter Anerkennung der zunehmenden Dringlichkeit der Pflegeherausforderung und ausgehend von vorherigen Veröffentlichungen, darunter ein IVSS-Fachbericht von 2019, machten die Mitglieder der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) daher die „Erfüllung der sich wandelnden Bedürfnisse einer alternden Bevölkerung“ zu einem der vorrangigen Trienniumsthemen 2020-2022.

Mit einer Reihe von Studien und Webinaren erkundet die IVSS daher, wie eine angemessene und erstklassige Langzeitpflege und Dienstleistungen für ein Älterwerden zu Hause finanziell nachhaltig erbracht werden können.

Der erste Schritt bei der Problemlösung ist das bessere Verständnis. Ein – am 25. November 2020 organisiertes – Webinar mit Expertinnen und Experten von der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO), der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Europäischen Kommission (EK) bot daher einen Überblick über die Herausforderungen und die von den relevantesten internationalen Organisationen vorgeschlagenen Strategien. Bei dieser einmaligen Gelegenheit konnte man erfahren, wie diese Organisationen auf internationaler Ebene koordiniert vorgehen, um die Entwicklung nationaler Langzeitpflegeprogramme zu fördern, und wie COVID-19 diese Bestrebungen beeinflusst.

Ein zweites IVSS-Webinar über Langzeitpflege, das am 9. Dezember 2020 zusammen mit dem Europäischen Netzwerk der IVSS organisiert wurde, lieferte einen soliden Überblick über Herausforderungen und innovative Lösungen im europäischen Vergleich. Es befasste sich außerdem mit Problemen und Antworten zu wachsenden Bedürfnissen der Langzeitpflege und baute dabei auf Erfahrungen internationaler Expertinnen und Experten auf. IVSS-Mitgliedsorganisationen aus Frankreich, Polen und Ungarn teilten ihre Sorgen und Lösungen.

In diesem Kontext umreißt der vorliegende Artikel die zentralen Probleme, die von internationalen Organisationen aufgeworfen werden, und diskutiert verschiedene Aspekte in Verbindung mit Humanressourcen für die Langzeitpflege. Er macht den Anfang einer Reihe von Veröffentlichungen der IVSS zu verschiedenen Aspekten der Langzeitpflege im Trienniumsverlauf.

Dringlichkeit der Pflegeherausforderung weltweit

IAO, WHO, OECD und EK sind sich über die Breite der anzugehenden Herausforderung, über deren Dringlichkeit und die Betonung auf der Notwendigkeit der sozialen Sicherheit einig. Zugang und Angemessenheit, Qualitätsfragen und finanzielle Tragfähigkeit stehen auf der Tagesordnung weit oben.

Die Organisationen betonen, dass die Langzeitpflege für Senioren kein klar definierter und institutionalisierter Bereich der Sozialpolitik ist. Häufig wird sie vielmehr durch eine Fragmentierung der Verantwortlichkeiten und fehlende Koordination zwischen Gesundheits- und Sozialaspekten charakterisiert. Die Governance des Langzeitpflegesystems betrifft oft mehrere Sektoren, verschiedene Ministerien und unterschiedliche Regierungsebenen, was die Koordination erschwert. Sie hat tendenziell eine geringe politische Priorität, wobei die Politik der Gesundheitsversorgung meist mehr Aufmerksamkeit widmet.

Wege zu Lösungen

a) Empfehlungen internationaler Organisationen

Im Hinblick auf die Herausforderung für die Finanzierung und Tragfähigkeit für Systeme der sozialen Sicherheit im Kontext des demografischen Wandels unterstreicht die IAO die entscheidende Rolle der Regierungen bei der Vorhersage des langfristigen Gleichgewichts zwischen Ressourcen und Ausgaben, um sicherzustellen, dass die Institutionen ihre Pflichten gegenüber älteren Menschen erfüllen können. Im mehrdimensionalen Bereich der Sozialschutzleistungen, Versorgungsleistungen, Urlaubsregelungen, familienfreundlichen Arbeitsregelungen und öffentlicher Infrastrukturen für die Pflege wird ein ganzheitlicher Ansatz benötigt.

Mehr Leben für die Jahre ist die ressortübergreifende Priorität des WHO-Jahrzehnts für gesundes Altern, das eine Vision von einer Welt fördert, in der jeder ein langes und gesundes Leben führen kann. Die Tätigkeitsbereiche umfassen die Veränderung unseres Denkens, Fühlens und Handelns in Bezug auf Alter und Altern. Laut WHO müssen die Gemeinschaften so entwickelt werden, dass die Fähigkeiten älterer Menschen gefördert werden, mit Erbringung von auf die Person ausgerichteten integrierten Pflege- und grundlegenden Gesundheitsleistungen, die auf die Bedürfnisse älterer Menschen eingehen und ihnen Zugang zu Langzeitpflege geben, wenn sie diese benötigen.

Mit der Messung der Wirksamkeit von sozialer Sicherheit macht die OECD darauf aufmerksam, wie wichtig der von den Systemen der sozialen Sicherheit gewährte finanzielle Schutz ist und welche Lücken bestehen. Ohne diesen Schutz wird die Langzeitpflege für ältere Menschen in einer großen Mehrheit der OECD- und EU-Länder unerschwinglich. Selbst mit Renten können ältere Menschen in vielen Ländern in Armut geraten. Laut OECD bietet die Einführung von neuen Langzeitpflegeleistungen oder -systemen oder eine Neuregelung bei bestimmten Langzeitpflegeleistungen oder -systemen mögliche Lösungen.

Die Europäische Kommission entwickelt Antworten, um sicherzustellen, dass jeder das Recht auf erschwingliche Langzeitpflegeleistungen guter Qualität hat, insbesondere auf die Versorgung zu Hause und Leistungen auf Gemeinschaftsbasis. Sie empfiehlt die bessere Integration von Gesundheits- und Sozialleistungen für eine angemessene Versorgung zu Hause.

b) Fokus auf Humanressourcen für die Pflege

Humanressourcen und die alternde Bevölkerung

Viele Pflegesysteme stehen vor Herausforderungen wie dem Fehlen von Fachkräften und gleichzeitig einer wachsenden Nachfrage nach Langzeitpflege infolge des demografischen Wandels. Die COVID-19-Pandemie hat dieses Fehlen von Humanressourcen nicht nur in der Gesundheitsversorgung, sondern auch in Einrichtungen der Langzeitpflege noch deutlicher gemacht.

Zentral für die Entwicklung eines nachhaltigen sowie angemessen ausgebildeten, eingesetzten und geführten Fachkräftereservoirs im Gesundheitsbereich ist die Analyse des Arbeitsmarktes und eine bedarfsgerechte Planung zur Optimierung aktueller und künftiger Arbeitskräftereserven. Bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne, Ausbildung, Regulierungen und Sachleistungen gelten gewöhnlich als wichtige förderliche Faktoren.

In vielen Ländern scheint das Fehlen von zugänglichen formalen Langzeitpflegeeinrichtungen der Hauptgrund für die Zunahme informeller Pflege zu sein, die die Hauptstütze der Langzeitpflege bildet. Weitere Gründe sind die geringe Qualität der Langzeitpflege, eine einseitige Bezuschussung von Langzeitpflege, das Fehlen von institutionellen und gemeinschaftlichen Diensten und nicht zuletzt das traditionelle Modell der Beziehungen unter den Generationen und in der Familie.

Die Beschäftigungsherausforderung betrifft auch die Notwendigkeit, informelle/nichtangemeldete Arbeit in der Pflege anzugehen, dabei die Fähigkeiten informeller Pflegepersonen anzuerkennen und sie weiterzubilden, um ihnen zu helfen, Pflegefachkräfte zu werden. Die Garantie korrekter und attraktiver Arbeitsbedingungen sowie eines angemessenen Gleichgewichts zwischen Arbeit und Privatleben ist dabei von zentraler Bedeutung.

Fachkräfte für Pflegeheime

Existenz, Einsatz und Vorteile digitaler Technologie in der Pflege könnten einen Teil der Lösungen für Probleme wie den Mangel an qualifizierten Fachkräften und die zunehmende Nachfrage nach Langzeitpflege bereithalten.

In Deutschland untersuchen Studien über digitale Technologien für die Pflege die Möglichkeit, solche Technologien einzusetzen, um menschliche Pflegearbeiten in gewissen Aspekten zu erleichtern oder gar zu ersetzen und zur Eindämmung der schnell steigenden Pflegekosten und des Mangels an Fachkräften beizutragen. Forschung über ambulante, informelle und sektorübergreifende Pflege erkundet auch das Potenzial digitaler Technologien für die Verbesserung der Eigenständigkeit der gepflegten Personen und die Entlastung formaler und informeller Pflegepersonen.

Pflege durch Wanderarbeitnehmende und Langzeitpflege

In den jüngsten Jahrzehnten hat die von Wanderarbeitnehmenden geleistete formale und informelle Pflegearbeit zugenommen. Da die Langzeitpflege äußerst arbeitsintensiv ist, wird die Befriedigung der steigenden Nachfrage nach Langzeitpflege von der Fähigkeit abhängen, eine ausreichende Zahl von Pflegepersonen zu beschäftigen und zu halten, sei es in Einrichtungen oder zu Hause. Viele europäische Länder haben als Antwort auf diese Herausforderung eine erhebliche Zahl von Pflegepersonen aus anderen europäischen oder weiter entfernten Ländern eingestellt. Dies wirft eine Reihe wichtiger Fragen für die Politik und Praxis der Herkunfts- wie Gastländer auf. Wanderarbeitnehmende stützen sich auf Arbeitsmarktregeln und die Freizügigkeit der Arbeitnehmenden in den EU-Ländern. In mehreren Ländern ist es legal, Wanderarbeitnehmende in Privathaushalten anzustellen (Deutschland, Italien und Polen). Manchmal findet die Arbeit jedoch in einer Grauzone der Wirtschaft statt. Wenn angemessene Regelungen fehlen, kann die Qualität der Dienstleistungen darunter leiden und das Risiko, dass Pflegepersonen unfair behandelt werden, steigt.

Koordination auf EU-Ebene

Seit 2012 arbeitet die EU daran, das neue soziale Risiko der Abhängigkeit in die Bestimmungen über die Koordination der Systeme der sozialen Sicherheit einzuführen. Rechtsaspekte umfassen die Koordination der sozialen Sicherheit in Europa, die zur Klärung der Ansprüche auf Sach- und Geldleistungen älterer Menschen beiträgt, die der Langzeitpflege bedürfen und in ein anderes Land der Europäischen Union als ihr Herkunftsland ziehen. Die Gewährleistung von Langzeitpflege erfordert verschiedene rechtliche, organisatorische und finanzielle Lösungen, die auf die Bereitstellung von Langzeitpflegeleistungen in einem breiten Sinn abzielen. Die Identifizierung eines neuen sozialen Risikos auf nationaler oder EU-Gesetzesebene eröffnet die Möglichkeit, einen neuen Zweig der sozialen Sicherheit aufzubauen, und stellt weitere Tätigkeiten für die Entwicklung von Langzeitpflege sicher.

c) Bereitstellung von Pflege für Senioren

Um Brüche im Ablauf der Gesundheitsversorgung und vermeidbare Krankenhausaufenthalte zu reduzieren, entwickeln Länder Antworten, um eine koordinierte, laufende und angemessene Pflege sicherzustellen, die es der Person erlaubt, möglichst lange zu Hause zu bleiben. Die Unterstützung der Eigenständigkeit jeder Person während ihres ganzen Lebens ermöglicht es, Senioren den ihnen zustehenden Platz im Zentrum einer zugewandten und eingrenzenden Gesellschaft zurückzugeben.

In Frankreich gibt es das PAERPA-Projekt (Personnes âgées en risque de perte d‘autonomie – Senioren, die Gefahr laufen, ihre Eigenständigkeit zu verlieren), wobei ein Team für die Versorgung mit grundlegenden Gesundheitsleistungen eingerichtet wird, um einen individuell zugeschnittenen Gesundheitsversorgungsplan unter kombinierten Sozial- und Gesundheitsversorgungsaspekten umzusetzen. Die COVID-19-Krise hat Partnerschaften gefördert und die Notwendigkeit der Koordination insbesondere bei der Prävention erhöht.

Die IVSS wird diese wichtigen Aspekte in demnächst erscheinenden Artikeln weiter analysieren.

So geht es weiter

Der Zugang zur sozialen Sicherheit ist ein Menschenrecht und entspricht den Risiken des Lebenszyklus. In weiten Kreisen wird anerkannt, dass das Recht der sozialen Sicherheit auf Langzeitpflege in höchstem Maße nicht eingelöst wird.

Die alternde Gesellschaft verlangt nach tiefgreifenden Veränderungen. Alle Länder verzeichnen eine wachsende Nachfrage nach Langzeitpflege und es gibt keine Zauberlösung. Sozial- und Gesundheitsversorgungsmodelle müssen neu gestaltet werden, um einen stärkeren Fokus auf Prävention zu erlauben, den Mangel von Fachkräften anzugehen und den Zugang zu personenbestimmter Qualitätspflege zu verbessern. Eine echte Integration der Erbringung von Gesundheits- und Sozialpflege für Patienten würde helfen, die Kosten zu kontrollieren und die Pflegequalität zu verbessern.

Die Förderung altersfreundlicher Umgebungen, in denen ältere Menschen unabhängig von funktionellen Einschränkungen gemäß ihren eigenen Entscheidungen sicher altern können, ist eine Priorität. Menschen, die gesunde Lebensjahre gewinnen, können weiterhin zur Gesellschaft beitragen und die Belastung der Alterung für die Gesundheitsversorgungssysteme verringern, was wiederum allen zugutekommt.

IVSS-Mitglieder stellen sich diesen Herausforderungen. Die internationale Zusammenarbeit ist zentral für die Gestaltung von Antworten auf die dringenden Langzeitpflegebedürfnisse. In den nächsten IVSS-Webinaren über Langzeitpflege sowie in den Artikeln wird der Informationsaustausch unter IVSS-Mitgliedern weitergeführt, um in vergleichender Sicht Wege für Lösungen zu identifizieren.

Weiterführende Literatur

Becker, U.; Reinhard, H. 2018. Long-term care in Europe: A juridical approach. Cham, Springer.

Bienassis, K. de; Llena-Nozal, A.; Klazinga, N. 2020. The economics of patient safety Part III: Long-term care: Valuing safety for the long haul (OECD Health working paper, Nr. 121). Paris, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

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Colombo, F. et al. 2011. Help wanted? Providing and paying for long-term care (OECD Health policy studies). Paris, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Auch in Französich erhältlich.

IVSS. 2019. Zehn Globale Herausforderungen für die soziale Sicherheit – Entwicklungen und innovative Lösungen. Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

Leichsenring, K.; Billings, J.; Nies, H. 2013. Long-term care in Europe: Improving policy and practice. Londres, Palgrave Macmillan.

Sowa-Kofta, A. et al. 2019. „Long-term care and migrant care work: Addressing workforce shortages while raising questions for European Countries“, in Eurohealth, Bd. 25, Nr. 4.

WHO. 2019. Decade of healthy ageing 2020-2030. Genf, Weltgesundheitsorganisation. Auch in Arabisch, Chinesisch, Französisch, Russisch und Spanisch erhältlich.

WHO. 2020. COVID-19 and the decade of healthy ageing. Genf, Weltgesundheitsorganisation. Auch in Arabisch, Chinesisch, Französisch, Russisch und Spanisch erhältlich.

Yoo, Gi Jong; Elizniy, D. 2019. Technischer Bericht über Langzeitpflege und das „Älterwerden zu Hause“. Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.