Analyse

Herausforderungen für die Rehabilitation in alternden Gesellschaften: Die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes

Analyse

Herausforderungen für die Rehabilitation in alternden Gesellschaften: Die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes

Rehabilitation ist für die Menschen und für die soziale Sicherheit von zentraler Bedeutung. Das Thema hat aufgrund der Bevölkerungsalterung zwar bereits einige Aktualität erlangt, doch die COVID-19-Pandemie hat seine elementare Rolle nun noch stärker in den Mittelpunkt gerückt, da zahlreiche COVID-19-Patienten Hilfe benötigen, um wieder in ihren Alltag und ihr Arbeitsleben zurückzufinden. Als vielversprechend zur Bewältigung des steigenden Bedarfs haben sich Rehabilitationsprogramme mit einem ganzheitlichen Ansatz erwiesen, der sowohl Pflegeleistungen als auch Leistungen zur Wiederherstellung der Beschäftigungsfähigkeit und Sozialleistungen umfasst und gleichzeitig die Kooperation der verschiedenen Akteure ausbaut.

Rehabilitation besteht nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus einer Reihe von Maßnahmen zur Verbesserung der Funktionsfähigkeit und zur Verringerung der Invalidität von Menschen mit Gesundheitsbeschwerden in der Interaktion mit ihrer Umwelt (WHO, 2020). Rehabilitation spielt für die Pflege und Genesung von Menschen eine entscheidende Rolle. Sie ist ein wichtiges Instrument zur Verbesserung der Gesundheit und des körperlichen und geistigen Wohlbefindens von Menschen und hilft ihnen, wieder ihr volles Potenzial auszuschöpfen und – soweit möglich – ein erfülltes und aktives Leben zu führen. Es kann jeder und jedem passieren, dass sie oder er zu einem Zeitpunkt ihres oder seines Lebens auf Rehabilitation angewiesen ist, sei dies nach einem Unfall, einer Operation oder einer Erkrankung, oder weil die körperlichen und geistigen Funktionen mit dem Alter nachlassen.

Der Rehabilitationsbedarf ist im Steigen begriffen. Die Gründe dafür sind vielfältig, etwa sich verändernde Risikofaktoren für die Gesundheit, die zu einer höheren Prävalenz chronischer Krankheiten und einem stärker verbreiteten Auftreten psychischer Beschwerden auch bei jüngeren Menschen im arbeitsfähigen Alter führen. Der wichtigste Faktor, der einen Ausbau der Rehabilitationsangebote nötig macht, ist jedoch die schnelle Bevölkerungsalterung, die derzeit in vielen Weltregionen zu beobachten ist.

Die Menschen leben länger, und die Zahl der Menschen über 60 Jahren wird sich Voraussagen zufolge bis 2050 verdoppeln. Mehr und mehr Menschen leben mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs. Invalidität ist in dieser Hinsicht eine der größten Herausforderungen für die Institutionen der sozialen Sicherheit, da Invalidität sowohl für die Einzelnen, für die Gesellschaften und für die Volkswirtschaften als auch für die finanzielle Tragfähigkeit der Systeme der sozialen Sicherheit bedeutende Folgen hat.

Rehabilitation in allen Lebensaltern ist entscheidend, um die Einzelnen zu unterstützen und Inklusion, Aktivität und Beschäftigung zu fördern. Zur Förderung eines längeren Arbeitslebens und zur Hinausschiebung der Notwendigkeit von Pflege verfolgt man vor allem den Ansatz, dass Prävention und frühes Eingreifen miteinander verbunden werden sowie mehr in eine ganzheitliche und menschenzentrierte Rehabilitation investiert wird.

Die Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit hat ihre Tätigkeiten im Bereich der Rehabilitation deshalb ausgebaut (IVSS, 2021) und berücksichtigt dabei auch, dass die Nachfrage nach Rehabilitationsdienstleistungen und die Auswirkungen auf deren Kapazitäten infolge der COVID-19-Pandemie zusätzlich gestiegen sind. Der multidisziplinäre Charakter der Rehabilitation, der Leistungen für Arbeitsunfälle, Krankheit, Pflege und Beschäftigungsunterstützung umfasst, war für die IVSS ausschlaggebend dafür, dass sie eine Besondere Arbeitsgruppe für Rehabilitation einrichtete. Diese Arbeitsgruppe verfügt über Mitglieder aus Aserbaidschan, Belgien, Deutschland, Finnland, Indonesien, Italien, Kanada, der Republik Korea, Malaysia, Mexiko, Nigeria, Österreich, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten von Amerika und befasst sich mit dem Beitrag, den die Rehabilitation zu einem aktiven Lebensstil und zu einer höheren Arbeitsmarktbeteiligung leistet. In einem zweigübergreifenden Ansatz – in Abstimmung mit den jeweiligen IVSS-Fachausschüssen – bietet die Arbeitsgruppe eine Plattform für den Austausch guter Praxis und fördert eine ganzheitliche Sicht auf Rehabilitation als wichtigen Pfeiler der sozialen Sicherheit.

Die IVSS untersucht mit unterschiedlichen Tätigkeiten wie Webinaren bestehende Rehabilitationssysteme und analysiert, welche Faktoren für die Entwicklung und Umsetzung eines wirksamen Systems zur Rehabilitation und zur Rückkehr an den Arbeitsplatz eine Rolle spielen. Rehabilitationssysteme für erkrankte und verletzte Arbeitnehmer werden vermehrt als wichtige Elemente nationaler Strategien für den Umgang mit der Alterung der Arbeitsbevölkerung gesehen. Die Tätigkeiten in diesem Bereich dienen sodann als Grundlage für die Entwicklung und Aktualisierung der Leitlinien der IVSS zur Wiederherstellung der Beschäftigungsfähigkeit und verwandter Bereiche der Verwaltung der sozialen Sicherheit, und sie finden auch Eingang in verschiedene wichtige Veranstaltungen, damit sichergestellt ist, dass die internationale Zusammenarbeit und der Austausch guter Praxis in Rehabilitationsfragen weiter ausgebaut werden.

Ein erstes IVSS-Webinar zum Thema Rehabilitation strategies post-COVID-19 (Rehabilitationsstrategien für die Zeit nach einer Coronavirus-Erkrankung) fand am 27. Januar 2021 mit Experten der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) und Vertretern von IVSS-Mitgliedsorganisationen aus Belgien, Deutschland, Kanada und der Republik Korea statt, die sich über ihre Sorgen und über Lösungen zur Eindämmung der Auswirkungen der Pandemie austauschten.

Ein zweites IVSS-Webinar mit dem Titel Rehabilitation and return to work policies: the need for holistic approaches (Strategien für die Rehabilitation und die Rückkehr an den Arbeitsplatz: Die Notwendigkeit ganzheitlicher Ansätze) fand am 21. April 2021 statt. Es bot einen guten Überblick über die von der WHO erkannten Herausforderungen und über Maßnahmen im Umgang mit der steigenden Nachfrage nach Rehabilitation, die durch Ländererfahrungen von IVSS-Mitgliedsorganisationen aus Belgien und Kanada illustriert wurden.

Vor diesem Hintergrund geht es im vorliegenden Artikel um die wichtigsten Fragen internationaler Organisationen und von IVSS-Mitgliedsinstitutionen im Bereich der Rehabilitation, und es werden verschiedene Aspekte der Rehabilitation beschrieben.

Eine breitere Sicht auf die Rehabilitation

Rehabilitation sollte sehr breit verstanden werden und alle medizinischen, arbeitsplatzbezogenen und sozialen Maßnahmen umfassen, die Menschen helfen, wieder zu ihrem angestammten Platz im Arbeits- und Erwerbsleben und in der Gesellschaft zurückzufinden. In der medizinischen Rehabilitation geht es darum, die funktionalen und geistigen Fähigkeiten und die Lebensqualität von Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen oder Behinderungen wiederherzustellen. Die berufliche Rehabilitation versucht, Menschen mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen oder Behinderungen zu helfen, Hindernisse beim Zugang zu einer Beschäftigung, bei ihrer Aufrechterhaltung oder bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz zu überwinden. Die soziale Rehabilitation schließlich fördert die Beteiligung von Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben.

Die Rehabilitation umfasst medizinische, therapeutische, pflegerische, soziale, berufliche, ausbildungsbezogene und technische Dienstleistungen, und diese können auch eine Anpassung des Umfelds einer Person beinhalten. Rehabilitation lässt sich in den unterschiedlichsten Umständen erbringen, sowohl in der stationären und ambulanten Versorgung in Krankenhäusern und Privatkliniken als auch an bürgernahen Standorten wie etwa im Zuhause der Person, was sich besonders für ältere Menschen oder für Menschen mit chronischen Erkrankungen eignet, die weiterhin selbstständig wohnen möchten. Die Verbesserung bürgernaher Rehabilitationsdienstleistungen ist ein wesentlicher Bestandteil eines ganzheitlichen Rehabilitationsansatzes, so wie auch die Vermeidung des Angewiesenseins auf Pflege- und Unterstützungsdienstleistungen, indem selbstständiges Wohnen gefördert wird.

Die Vorteile der Rehabilitation

Rehabilitation ist eine Investition, die sowohl für die Einzelnen als auch für die Gesellschaft einige Kosten, aber auch viele Vorteile mit sich bringt. Durch Rehabilitation kann das Abgleiten aus unterschiedlichen körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen in einen Zustand der Invalidität verhindert werden, und dies betrifft sowohl akute und chronische Erkrankungen als auch Verletzungen durch Unfälle. Eine Rehabilitation kann helfen, eine kostenaufwendige Krankenhauseinweisung zu verhindern, den Aufenthalt im Krankenhaus zu verkürzen oder auch abzuwenden, dass es zu einer erneuten Einweisung kommt. Sie ermöglicht es Menschen zudem, wieder an Bildung und Erwerbsarbeit teilzunehmen, zu Hause selbstständig zu bleiben und die Notwendigkeit einer finanziellen Unterstützung oder einer Unterstützung durch eine Pflegeperson zumindest aufzuschieben.

Die IVSS veröffentlichte gemeinsam mit ihrem Fachausschuss für die Versicherung gegen Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten eine Studie mit dem Titel „Berufliche Wiedereingliederung zahlt sich aus“ (Echarti, Schüring und Kemper, 2017). Darin wird der globale Investitionsertrag medizinischer und beruflicher Rehabilitationsmaßnahmen für verletzte Arbeitnehmer und für aus Gesundheitsgründen fehlende Arbeitnehmer ermittelt, die wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren möchten. Die Kosten-Nutzen-Analyse zeigt, dass der durchschnittliche Investitionsertrag für Arbeitgeber bei einem Faktor 3,7 und für Systeme der sozialen Sicherheit bei 2,9 liegt. Aus gesellschaftlicher Sicht ist der geschätzte Produktivitätsgewinn um einen Faktor 2,8 so groß wie die Investitionen.

Die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes

Stärkung des Gesundheitssystems

Gesundheit hat in den Zielen für Nachhaltige Entwicklung (ZNE) für 2030 der Vereinten Nationen (UNO, 2015) einen hohen Stellenwert, und ein Ziel ist darin sehr weitgreifend formuliert, nämlich ZNE 3: „Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern.“ Wenn das körperliche oder psychische Wohl von Menschen gefährdet ist, dann wirkt sich das auch auf ihre Lebensqualität aus. In der Rehabilitation geht es deshalb hauptsächlich darum, die Menschen zu befähigen und darin zu unterstützen, dass sie sich in dieser Zeit wieder erholen und an ihr Umfeld anpassen können, um ihre funktionellen Fähigkeiten wiederzuerlangen.

Soll das volle Potenzial der Rehabilitation ausgeschöpft werden, dann müssen sich die Anstrengungen insbesondere auf eine Stärkung des Gesundheitssystems richten sowie darauf, dass die Rehabilitation im Rahmen einer universellen Krankenversicherungsdeckung Teil der Gesundheitsversorgung auf allen Ebenen wird. Jede Person sollte, ohne dadurch in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten, in der Lage sein, Zugang zu all denjenigen medizinischen Dienstleistungen und Arzneimitteln zu haben, die sie wirklich benötigt. Dazu gehört auch – gemäß der Definition der WHO – der Zugang zu Rehabilitationsdienstleistungen, denn deren Bedeutung nimmt angesichts der Zunahme chronischer Erkrankungen und der alternden Gesellschaften immer mehr zu.

2017 startete die WHO die Initiative Rehabilitation 2030 (WHO, 2017), die alle Akteure weltweit aufruft, sich zusammenzutun und in verschiedenen prioritären Bereichen zusammenzuarbeiten, so etwa zur Verbesserung der Führung und Governance, zur Entwicklung einer starken Personaldecke mit Rehabilitationsfachkräften aus verschiedenen Disziplinen, zum Ausbau der Finanzierung der Rehabilitation und zur Verbesserung der Datensammlung und Forschung.

Um diese Ziele zu erreichen, bietet die WHO Regierungen eine praktische Orientierung an, damit sie die verschiedenen Bausteine des Rehabilitations-Gesundheitssystems festigen können, und sie unterstützt die Gesundheitsministerien bei der Entscheidungsfindung hinsichtlich Dienstleistungs- und Haushaltsplanung für die Rehabilitation je nach dem Bedarf und den Prioritäten des jeweiligen Landes.

Zweigübergreifende Maßnahmen der sozialen Sicherheit

Die Systeme der sozialen Sicherheit müssen sich an den wandelnden Bedarf aller Bevölkerungsgruppen anpassen und die Menschen auf ganzheitliche Weise wieder in einen Zustand selbstständiger Lebensführung versetzen, damit sie nicht mehr auf Leistungen und Dienstleistungen angewiesen sind und gleichzeitig wieder am Arbeitsmarkt teilnehmen können, so dass sie aktiv und produktiv sind.

Die Nachfrage nach angemessener und bezahlbarer sozialer Sicherheit und nach einer entsprechenden Gesundheitsversorgung wird sich durch die Bevölkerungsalterung stark verändern, und gleichzeitig wird – vorausgesetzt, die übrigen Parameter bleiben unverändert – das Beitragsaufkommen sinken und die Sozialausgaben werden steigen. Die Verwaltungen der sozialen Sicherheit müssen, wenn sie die finanzielle Tragfähigkeit ihrer Programme verbessern wollen, individuell zugeschnittene Angebote machen, die eine proaktive Rehabilitation und Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit all derjenigen Menschen ermöglichen, die aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden sind.

Für Menschen mit Behinderungen hat sich der Kontext in letzter Zeit im Vergleich zu damals, als die ersten Programme mit Invaliditätsleistungen eingeführt wurden, stark verändert. Durch medizinische Fortschritte, durch den Wandel der Arbeitsbedingungen und durch barrierefreie Arbeitsplätze hat sich die Möglichkeit für Menschen mit Behinderungen erhöht, ihre Arbeitsfähigkeit wiederzuerlangen und eine Anstellung zu finden. Trotz dieser neuen Gegebenheiten ist die Quote der beruflichen Wiedereingliederungen jedoch nach wie vor niedrig. Im Rahmen von Invaliditätsprogrammen wird deshalb vermehrt versucht, wirksame Methoden zur Verringerung negativer Anreize und zum Ausbau der Unterstützungsangebote zu finden, um die Arbeitsmarktbeteiligung der Leistungsempfängerinnen und Leistungsempfänger zu erhöhen.

Lange krankheitsbedingte Fehlzeiten führen oft zu Inaktivität und gelten als wichtiges Indiz für ein späteres definitives Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt mit beispielsweise einer Invaliditätsrente (OECD, 2010) oder einem frühzeitigen Ruhestand. Dadurch können für die IVSS-Mitglieder und für die Gesellschaft hohe finanzielle Belastungen entstehen. Präventionsmaßnahmen zur Vermeidung von Erkrankungen sind in dieser Hinsicht sehr wichtig, sowohl am Arbeitsplatz (durch Arbeitsschutzmaßnahmen) als auch außerhalb des Arbeitsplatzes (durch öffentliche Gesundheitsmaßnahmen). Wenn sich eine Erkrankung einmal bemerkbar macht, dann ist es entscheidend, dass früh Maßnahmen der Rehabilitation und der Wiederherstellung der Beschäftigungsfähigkeit eingeleitet werden, damit sich Fehlzeiten, die oft zu Invalidität führen, vermeiden lassen.

Rehabilitation ist auch wichtig, wenn es darum geht, für die Zukunft eine inklusive Arbeitswelt zu schaffen, in der niemand zurückgelassen wird. Die von der IAO im Juni 2019 verabschiedete Jahrhunderterklärung der IAO über die Zukunft der Arbeit (IAO, 2019) betont, wie wichtig ein menschenzentrierter Ansatz ist. In dieser Erklärung wird auch darauf verwiesen, dass Menschen mit Behinderungen gleiche Chancen und eine gleiche Behandlung erhalten müssen. Der rechtebasierte Ansatz im Umgang mit Menschen mit Behinderungen, wie er in den Zielen für Nachhaltige Entwicklung 2030 der Vereinten Nationen postuliert wird, steht überdies im Einklang mit dem Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention, BRK) (UNO, 2016).

In Kanada hat die Ausgleichskasse für Arbeitnehmer Saskatchewans (Saskatchewan Workers' Compensation Board – WCB) Mindesterwartungen in Bezug auf einen frühen und proaktiven Kontakt mit Kundinnen und Kunden formuliert, um Hindernisse für eine wirksame Rehabilitation und berufliche Wiedereingliederung zu ermitteln und auszuräumen. Die Ausgleichskasse entdeckte Möglichkeiten, wie die Mitarbeitenden und die Arbeitgeber im Bereich der Prävention von Invalidität und von beruflicher Wiedereingliederung nach einem kundenzentrierten Modell geschult werden können.

Das kanadische Ministerium für Beschäftigung und soziale Entwicklung (Employment and Social Development Canada – ESDC) überarbeitet derzeit einige Punkte im Invaliditätsprogramm des Canada Pension Plan (Rentenplan Kanada), um darin Verbesserungen für die Zeit nach dem Bezug von Beihilfen einzufügen. Das Ministerium arbeitet an Studien, auf deren Grundlage die Verbesserungen aufbauen sollen, darunter an internationalen Vergleichsstudien in Zusammenarbeit mit der IVSS über beste Praxis zur Förderung der Arbeitsmarktbeteiligung von Invaliditätsleistungsempfängern.

Auswirkungen der COVID-19-Pandemie

Die COVID-19-Pandemie hat uns die große Bedeutung der Rehabilitation erneut vor Augen geführt. Die Pandemie dürfte – sowohl direkt durch eine Erkrankung als auch indirekt durch soziale Isolation, Bewegungsmangel und überlastete Gesundheitssysteme – zu einer stark gestiegenen Nachfrage nach Rehabilitationsleistungen führen, insbesondere bei älteren Menschen.

Durch die Pandemie sind auch viele Rehabilitationseinrichtungen und -dienstleistungen unter Druck geraten. Einerseits haben sie ihr Möglichstes getan, um der gestiegenen Nachfrage gerecht zu werden, und andererseits mussten sie mit Einschränkungen beim Zugang zu den Einrichtungen, Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen zurechtkommen.

Wird nicht in einem frühen Zeitfenster mit intensiver Rehabilitation begonnen, dann sinken die Chancen auf eine Heilung. Außerdem kann es bei Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen sein, dass sie aufgrund der mit der Pandemie einhergehenden Wirtschaftskrise weniger Möglichkeiten für eine angemessene Rehabilitation finden.

Die Auswirkungen der Pandemie auf die Rehabilitationsdienstleistungen wurden von der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV Bund) genauer untersucht. Die Hauptziele ihrer Rehabilitationstätigkeiten bestehen darin, die langfristige Arbeitsfähigkeit und die Beschäftigung der Menschen im arbeitsfähigen Alter durch Programme und Strategien zur Invaliditätsprävention und zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten. Prävention trägt zweifellos entscheidend dazu bei, den Rückgriff auf Invaliditätsrenten und Frühpensionierung zu verhindern. Die DRV Bund betreibt landesweit 90 Reha-Kliniken, und daneben gibt es ungefähr 1 000 private Dienstanbieter im Bereich Rehabilitation. Die DRV Bund kümmert sich dabei sowohl um die medizinische als auch die berufliche Rehabilitation.

Die Patienten in Deutschland hatten seit dem ersten Coronavirus-Lockdown mit deutlichen Einschränkungen beim Zugang zu Rehabilitationsdienstleistungen zu kämpfen. Einige Reha-Kliniken mussten aufgrund der Pandemie komplett schließen. Andere konnten nur noch bereits in Rehabilitation oder in Quarantäne befindliche Patienten mit weniger schweren Erkrankungen weiterversorgen, da sie ihre Kapazitäten reduzieren mussten, um den strengen Hygieneauflagen zu genügen. Wieder andere schließlich wurden als Akut-Kliniken für COVID-19-Patienten oder als Langzeitpflegeeinrichtungen genutzt.

Zahlreiche gefährdete Gruppen (wie ältere Menschen) hatten keinen Zugang zu Rehabilitationseinrichtungen, und viele fürchteten sich aufgrund der Ansteckungsgefahr davor, Rehabilitationsdienstleistungen zu nutzen. Viele Patienten mit chronischen Krankheiten wurden nicht ausreichend versorgt, und zahlreiche Eingriffe mussten verschoben werden. Außerdem stieg die Nachfrage nach Rehabilitationsdienstleistungen von Menschen nach einer Coronavirus-Erkrankung.

Auf dem Weg zu menschenorientierten und datenbasierten Rehabilitationsdienstleistungen

Die COVID-19-Pandemie bietet auch die Gelegenheit, die Rehabilitationsdienstleistungen nun menschenorientierter und resilienter gegen künftige Pandemiewellen zu gestalten. So wurden hybride Formen von Rehabilitationsdienstleistungen entwickelt, die unter anderem elektronische Gesundheitsdienstleistungen und Online-Anträge umfassen. Die Rehabilitationssysteme profitieren in einem schnell sich wandelnden Arbeitsumfeld von digitalen Innovationen, etwa bei „Telerehabilitations“-Programmen für Arbeitnehmer. Des Weiteren werden als ein erster Schritt für eine erfolgreiche Rehabilitation zur Bestimmung des Invaliditätsgrades Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) eingesetzt.

In der Republik Korea bietet die Koreanische Anstalt für Arbeitsunfallversicherung und Wohlfahrt (Korea Workers’ Compensation and Welfare Service – COMWEL) maßgeschneiderte integrierte Programme für verletzte Industriebeschäftigte an, die zeitnah und systematisch eine individuelle medizinische Versorgung, Rehabilitation oder Kompensation erhalten sollen, damit sie schnell wieder an die Arbeit und in ihren Alltag zurückkehren können. Durch den Entwurf von Rehabilitationsdienstleistungen, die den Bedürfnissen der Nutzer entsprechen, durch vernetzte Daten und durch Anwendungen mit maschinellem Lernen können genau zugeschnittene Dienstleistungen und Lösungen für die Rückkehr an den Arbeitsplatz gefunden werden. Indem in der Rehabilitationsstrategie der Schwerpunkt von dienstleistungszentrierten zu menschenorientierten, von beschäftigungsabhängigen zu integrierten und präventiven und von persönlichen zu digitalen Dienstleistungen verschoben wird, können für die Zeit nach der Pandemie auch Synergien durch Partnerschaften mit externen Organisationen und internationalen Kollaborationen geschaffen werden.

Das belgische Landesinstitut für Kranken- und Invalidenversicherung (Institut national d'assurance maladie-invalidité – INAMI) hat Initiativen gestartet, um für eine erfolgreiche Rehabilitation den Invaliditätsgrad der betreffenden Person anhand von künstlicher Intelligenz zu bestimmen, und zwar im Rahmen der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (International Classification of Functioning, Disability and Health). Angesichts der steigenden Zahl von Menschen mit Arbeitsunfähigkeit sucht das INAMI laufend nach Instrumenten, um die Versicherungsärzte, die für die medizinische Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit zuständig sind, in ihrer Arbeit zu unterstützen.

Blick in die Zukunft

Die Bevölkerungsalterung und die COVID-19-Pandemie verlangen eine tiefgreifende Änderung hin zu ganzheitlichen Rehabilitationsansätzen. Die Rehabilitationssysteme müssen sich an neue Herausforderungen anpassen und Rehabilitationsstrategien für die Zeit nach der COVID-19-Pandemie entwickeln, insbesondere zum Umgang mit dem Long-COVID-Syndrom. In Ländern mit fragmentierten Rehabilitationsdienstleistungen bietet die Krise eine Gelegenheit, menschenzentrierte und integrierte Rehabilitationssysteme zu entwerfen, die gegen künftige Pandemiewellen widerstandsfähiger sind.

Zahlreiche IVSS-Mitglieder stehen vor genau diesen Herausforderungen und haben deshalb begonnen, ihre Rehabilitationsdienstleistungen zu überarbeiten. Die Besondere IVSS-Arbeitsgruppe für Rehabilitation wird anhand eines zweigübergreifenden Ansatzes die Rolle der Rehabilitation für ein aktives Leben und eine höhere Arbeitsmarktbeteiligung analysieren. Dazu fördert sie gute Praxis und unterstützt die IVSS-Mitglieder in ihrer Arbeit auf dem Weg zu Rehabilitationsstrategien, die den neusten Herausforderungen gerecht werden und die Chancen der Zeit nach der COVID-19-Pandemie nutzen.

Referenzen

Echarti, M.; Schüring, E.; Kemper, G. 2017. Berufliche Wiedereingliederung zahlt sich aus. Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

IAO. 2019. ILO Centenary Declaration for the Future of Work (108. Sitzung der internationalen Arbeitskonferenz, Genf, 21. Juni). Genf, Internationales Arbeitsamt. Auch erhältlich auf Französisch und Spanisch.

IVSS. 2019. Leitlinien der IVSS zur Wiederherstellung der Beschäftigungsfähigkeit (Erweiterte Auflage). Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

IVSS. 2021. Ausbau der Tätigkeiten im Bereich Rehabilitation (Nachrichten und Analysen). Genf, Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit.

OECD. 2010. Sickness, disability and work: Breaking the barriers – A synthesis of findings across OECD countries. Paris, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Auch erhältlich auf Französisch.

UNO. 2015. Transforming our world: the 2030 Agenda for Sustainable Development. New York, NY, Generalversammlung der Vereinten Nationen. Auch erhältlich auf Arabisch, Chinesisch, Französisch, Russisch und Spanisch.

UNO. 2016. „Convention on the Rights of Persons with Disabilities“ in Treaty Series, Bd. 2515, S. 3. Auch erhältlich auf Französisch.

WHO. 2017. Rehabilitation 2030: A call for action (Meeting report). Genf, Weltgesundheitsorganisation.

WHO. 2020. Rehabilitation (Fact sheet). Genf, Weltgesundheitsorganisation. Auch erhältlich auf Arabisch, Chinesisch, Französisch, Russisch und Spanisch.